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ORTSGESCHEHEN

'Dürfen wir nicht einer von euch sein?'

Das Leben als Flüchtling und die Situation in der Notunterkunft in der Realschulhalle hat über die vergangenen Wochen ein afghanischer Flüchtling in sehr persönlichen Worten zu Papier gebracht. Unter dem Titel "Mein Leben in Deutschland" stellt er sich darin auch zentralen Fragen rund um die Aufnahme und die Beherbergung von Flüchtlingen. Sein Bericht im Wortlaut:
 
"Zuallererst möchte ich mich von ganzem Herzen bei der deutschen Regierung, den Deutschen und den großartigen Echingern bedanken, die uns warmherzig empfangen und uns ein Zuhause in ihrer Gemeinschaft gegeben haben.
Zu meiner Person: Ich bin ein Flüchtling und komme aus Afghanistan. Ich war im 2. Bachelorjahr für BWL und spreche sechs Sprachen, wie Dari, Pashto, Urdu, Panjabi, Englisch und auch ein bisschen Deutsch. Zeitweise hatte ich selbst Englisch in einem Sprachcenter unterrichtet.
Mein Berufsziel, so schwärmte ich meinen guten und talentierten Freunden immer vor, war es, ein großer Wirtschaftsexperte zu werden, aber das Schicksal hatte andere Pläne und so musste ich mein Studium abbrechen.
So begann ich meine Reise, um wenigstens einen Ort zum Überleben zu finden, die mich schließlich hierher führte. Ich musste nicht nur Geld bezahlen, sondern auch viele Schwierigkeiten durchmachen – ich aß sogar Blätter und trank schmutziges Wasser vom Boden, um zu überleben. Ich sah Tod mit meinen Augen und war selbst dem Tode nahe.
Nach einer unendlich langen Zeit kam ich schließlich in Deutschland an, genauer in München. Mein Leben in Deutschland begann praktisch in einem Krankenhaus, in das ich mich sofort begeben musste, weil ich in sehr schlechtem Zustand war. Dort blieb ich eine Woche. Die Ärzte und Angestellten im Krankenhaus waren alle sehr nett und versorgten mich sehr gut, dafür möchte ich allen sehr danken.
Nach dem Krankenhaus kam ich in ein großes Camp, in dem wir 4 Tage auf dem nackten Boden verbrachten. Kein Bett. Wir schliefen auf dem Boden. Zu essen gab es Brot und manchmal auch Fleisch und Wasser zum Trinken. Nach vier Tagen kam ein Bus und einige von uns kamen für eine Woche in ein anderes Camp. Dort war die Verpflegung gut und es gab auch Betten.
Nach dieser Woche wurden wir in ein neues Camp gebracht, wo wir für 40 Tage blieben. In dieser Zeit wollten einige anfangen, Deutsch zu lernen, aber man sagte uns, dass das erst möglich sei, wenn wir eine dauerhafte Unterkunft hätten. In diesem Camp gab es so wenig zu essen, dass wir versuchten, wenigstens durch Schlaf das Hungergefühl zu vergessen. Schließlich wurde ich nach Eching verlegt.
 
Leben im Echinger Camp
Als ich in diesem Camp ankam, war ich ziemlich geschockt über das, was das Schicksal für mich vorgesehen hatte. Die ersten 24 Stunden brachte ich kein Auge zu.
Hier lebten 250 Menschen in einer großen Halle zusammen. Bett an Bett, teilweise auch Bett über Bett. Kein Stuhl, kein Schrank, keine Privatsphäre.
Dann nach ein paar Tagen sagte ich schließlich zu mir, es ist ok und ich begann meine Einstellung zu ändern. Ich versuchte etwas zu tun, eine Arbeit zu finden. Nach einem Arbeitsplatz suche ich immer noch.
Jeder Ort hat gute und schlechte Faktoren und ich möchte hier kurz ein paar hervorheben:
 
Schlechte Faktoren im Camp
1) Die Essensrationen sind nicht ausreichend. Es gibt nur dann ausreichend Essen, wenn viele auf das Essen verzichten, weil es nicht gut ist.
2) Um Essen zu erhalten, müssen wir uns in einer langen Schlange anstellen, manchmal 30 Minuten bis zu einer Stunde. Manchmal ist das Essen aus, bevor die Schlange durch ist. Mir ist das schon mehrmals so ergangen und dann war mein Essen nur noch Brot mit Tee.
3) Eventuell ein- oder zweimal im Monat gibt es gutes Essen. Da keiner sich das entgehen lassen möchte, gibt es dann meist Streitereien. Wenn wir sagen, dass nicht genügend Essen da ist, hören wir immer, das sei Aufgabe des Staates, speziell des Landratsamtes. Manchmal ist das Abendessen noch gefroren. Die Helfer hatten uns das nicht geglaubt und haben sich selbst davon überzeugt und mussten es dann auch bestätigen.
4) Wäsche waschen mit nur zwei Waschmaschinen bei 250 Personen zieht sich hin und zwei Tage Wartezeit ist da leider ganz normal.
5) Diebstähle innerhalb des Camps häufen sich leider. Ich habe so meinen Geldbeutel, eine Hose und ein Shirt verloren. Als ich das der Security meldete, hieß es, ich müsse besser auf meine Sachen aufpassen. Auch wenn ich beim Duschen bin oder unterwegs zum Arzt etc.
6) Eingeschränkte Möglichkeiten zum Erlernen der Sprache. Es gibt sehr viele Flüchtlinge und nur eine begrenzte Anzahl an Lehrern und trotzdem gibt es Unterricht. Aber die Lehrer sind keine ausgebildeten Pädagogen. Es sind Leute, die entweder vor oder nach ihrer Arbeit Unterricht halten, damit wir die Sprache erlernen können. Aber Deutsch scheint eine der schwersten Sprachen der Welt zu sein. Wie sollen wir Deutsch auf diese Art lernen? Von uns wird erwartet, es nach drei bis vier Monaten schon einigermaßen gut zu sprechen. Bei der Jobsuche ist es das Hauptkriterium.
 
Gute Faktoren im Camp
1) Das erste Gute an diesem Camp ist das Verhalten der Echinger uns gegenüber und ihr netter Umgang mit allen Flüchtlingen. Die Helfer versuchen wirklich, die Probleme zu identifizieren und sie zu lösen. Sie organisieren Treffen mit uns, hören sich unsere Probleme an und versuchen, die Dinge zu verbessern. All diese Helfer sind sehr nett. Für mich sehr speziell sind „Sir“ Alvaro und „Ma‘am“ Gisela, die für mich wie zweite Eltern sind. Sie helfen ständig anderen und mir.
2) Einige kommen ins Camp und versuchen, mit uns Deutsch zu üben oder uns neue Wörter beizubringen.
3) Es gibt außerdem noch einen großen Mann – sein Name ist „Riki Sir“ Laurian –, der ein Fußballer-Team aufgebaut und Turniere organisiert hat, der auch einen Kinoabend eingerichtet hat, der oft mit mir Tischtennis gespielt hat und der versucht hat, für jeden ein Freund zu sein.
 
Es ist nicht leicht, an einem Ort zu leben, an dem Leute verschiedenster Abstammung, Kultur, Sprache, Leben, Religion und ähnlichem zusammen gewürfelt wurden. Menschen haben Stimmungsschwankungen. Manchmal ist man glücklich, manchmal traurig, aber im Camp muss jeder mit den Stimmungsschwankungen aller auskommen. Wir haben keinerlei Privatsphäre, um etwas Persönliches machen zu können, was es auch sei.
 
Eines Tages, kurz nachdem ich meinen Geldbeutel verloren hatte, hatte ich Zahnschmerzen und wollte zu einem Zahnarzt. Da wir unsere Krankenscheine im Landratsamt in Freising abholen müssen, ich aber kein Geld für eine Fahrkarte hatte, da ja mein Geldbeutel gestohlen worden war, half mir eine Helferin, die in medizinischen Angelegenheiten ins Camp kommt. Sie gab mir einfach so ihr Ticket. Es waren 5,10 Euro, die von Herzen kamen, und ich bin sehr dankbar dafür.
Inzwischen habe ich wieder Geld, aber ich muss immer daran denken, denn es ging ihr nicht ums Geld, sondern darum, jemandem zu helfen. Wie diese Helferin sind viele andere hier in Eching.
 
Bei allem Respekt haben wir doch ein paar einfache und vielleicht auch provokante Fragen:
1. Ist Flüchtling zu sein, eine Sünde? Wenn ja, worin genau besteht die Sünde? Wenn nein, warum sehen uns manche als Sünder an?
2. Ist es ein Verbrechen, nach einem Platz zum Leben zu fragen?
3. Dürfen wir keine Wünsche oder Träume haben?
4. Haben wir kein Recht, diese Wünsche zu verwirklichen?
5. Würde jemand grundlos und freiwillig seine Mutter, Familie, Freunde und Heimat verlassen?
6. Haben wir kein Recht, etwas zu lernen?
7. Haben wir kein Recht, zu arbeiten?
8. Dürfen wir uns nicht nach einem neuen Zuhause sehnen?
9. Dürfen wir nicht einer von euch sein?
10. Sind wir empfindungs- und emotionslos?
Diese und viele andere Fragen habe ich – wenn wir uns treffen, werde ich fragen.
 
Der Umgang mit uns, speziell in manchen Ämtern, ist schlecht. Oft ignoriert man uns. Warum – ich weiß es nicht!
Regierung und Bevölkerung versuchen, uns zu helfen, aber eine kleine Anzahl von Leuten behandeln uns geringschätzig und machen Vieles kaputt. Ich brauchte Dokumente vom Amt. An zwei Tagen schickte man mich wieder nach Hause und sagte, ich solle am nächsten Tag wieder kommen.
 
Ein paar Antworten
1. Vielleicht fragt man sich, warum liegen sie dauernd herum, anstatt etwas zu tun? Wir dürfen nur das tun, was uns erlaubt wird. Wir dürfen nicht arbeiten. Aber wenn wir Gelegenheit erhalten, zeigen wir gerne, was wir tun können.
2. Vielleicht wundert sich mancher, warum sie nicht die Sprache erlernen? Ich stimme zu, dass manche von uns nicht lernen. Aber die meisten von uns versuchen, Deutsch zu lernen. Allerdings bekommen nicht alle die Möglichkeit und mit nur zwei Mal Unterricht in der Woche ist das auch nicht leicht.
3. Vielleicht will man wissen, warum sie so oft streiten? Lachen und Streiten sind beides Teil des Lebens. Das ist auch in Familien so. Und da unsere Familie aus 250 Personen besteht, ist es klar – je größer die Familie, desto größer die Probleme.
 
Jeder fragt sich, wie lange das so weitergeht. Wir hoffen, dass es sich nächste Woche ändert. Es gibt bestimmt sehr viele Fragen, die dir im Kopf herum gehen, wenn du also eine Frage hast, kannst du mich einfach fragen.
 
Eine Bitte: Wenn sich einer von uns falsch benimmt, bitte verurteile nicht uns alle. Wir sind nicht alle schlecht.
Vielen Dank."
 
(hierzu ist ein Lesermail eingegangen)

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