Lesermail zum Artikel „‚Bau-Turbo‘ zünden“

Interessante Verknüpfung, den Wirtschaftsstandort Eching stärken zu wollen, indem wir den Wohnungsbau vorantreiben. Klingt spannend, aber die tatsächlichen Probleme liegen doch woanders.

Wenn man den Tenor einiger Echinger hört, dann ist Eching nur noch eine „Schlafstadt“. Daher wird die Förderung des Wohnungsbaus nicht den Wirtschaftsstandort stärken.

Auf den Baustellen der Fa. Hecht sucht man vergebens nach Unternehmen aus der Region. Und dann werden ja gerne Studentenwohnheime gebaut, nur sind die nicht für „Nicht-Studierende“.

Wir brauchen mehr Wohnraum, aber wir brauchen dann auch Platz für Unternehmen am Ort, um zukünftige Projekte durch Gewerbesteuereinnahmen finanzieren zu können und den Pendlerverkehr zu reduzieren.

Der Wirtschaftsstandort Eching ist aus anderen Gründen für viele Firmen mangelhaft.

  1. Keine brauchbaren Objekte/Räumlichkeiten/Flächen

Unter dem Vorwand der Flächenversiegelung, vor allem innerorts, wurden schon diverse Bauvorhaben torpediert. Für Gründer gibt es keine passenden Räumlichkeiten. Daher wird oft auf leerstehende Wohnungen ausgewichen. Dadurch wird der Wohnungsmarkt kannibalisiert.

Auch für die Ansiedlung von Ärzten gibt es keine Möglichkeit. Warum soll z. B. ein Kinderarzt in den Keller des ASZ ziehen?

Echinger Unternehmen müssen, um expandieren zu können, Eching verlassen.

  1. Limitierte Infrastruktur

In Eching bekommt man derzeit nur eingeschränkte Wahlfreiheit bei Glasfaseranschlüssen. In der Regel von der Telekom, da diese nach dem Ausbau im Ort auch keinen anderen Anbieter als 1&1 zulässt. „MNet“, Pyur“ kommen nicht drauf. „Colt“ hat zwar eine Leitung ins nördliche Gewerbegebiet, aber das weiß kaum jemand.

Firmen, insbesondere mittelständische Unternehmen, die unter anderem einen zentralen Standort aufbauen wollen, benötigen aber oft zwei unterschiedliche Anbieter für die Redundanz. Auch die Ansiedlung eines Rechenzentrums fällt damit aus. Dabei gibt es hier interessante Lösungen, um damit Wohnsiedlungen durch die Abwärme zu heizen.

Auch die S1 wird auf die kommenden 10 Jahre kein wirklicher Standortvorteil sein.

Ein weiteres Problem liegt bei fehlenden Krippen- und Kindergartenplätzen.

  1. Fehlende Agenda bei der Ausrichtung des Standorts

Die meisten Kommunen im Münchner Umland profitieren vom Standort München. Dort werden die grundlegenden Voraussetzungen geschaffen, damit sich Dienstleister oder produzierende Unternehmen leicht ansiedeln können.

Eching hat zugesehen, wie vor allem Garching und Unterschleißheim prosperierende Gewerbeflächen entwickelt und die Ansiedlung von Unternehmen aus den sekundären (produzierenden) und tertiären (Dienstleistungen) Wirtschaftssektoren gefördert haben. Seit 50 Jahren gilt in Eching die Fa. Ikea als das Maß aller Dinge. Wenn Ikea dann überlegt, Eching nur noch als Abholstandort zu nutzen, macht man dicke Backen.

Während Corona hat Eching vor allem seine kleinen Unternehmen allein gelassen. Ein Konzept, wie man die kleinen Unternehmen und Einzelhändler entlastet oder ihnen zur Seite steht, war nicht erkennbar.

Abläufe in der Verwaltung sind auch gerne mal zum Verzweifeln. Dort gab es diverse Male keine Formulare oder Erklärungen in Englisch oder anderen Sprachen. Man bekommt dann direkt gesagt, Deutsch ist Amtssprache. Gratulation zur Integrationsleistung.

  1. Fragmentierung des Einzelhandels

Regionales Einkaufen in Eching geht nur, wenn man mobil ist. Die Vollsortiment-Angebote in der Schlesierstraße haben dem Ortszentrum geschadet und das Verkehrsaufkommen in Eching erhöht.

Der Bürgerplatz ist ein Betonkeil zwischen Bahnhofstraße und Alter-Wirt-Ladenzentrum. Ein entspanntes „Einkaufen und Verweilen“ findet nicht statt. Man rennt, radelt oder fährt von einem Eck ins andere.

  1. Vermarktung des Standorts

Das Standortmarketing ist im Vergleich zu anderen Kommunen in den Kinderschuhen. Eching versäumt es, Firmen effektiv zu zeigen, was es eigentlich kann. Eine brauchbare Übersicht über Dienstleistungen und Unternehmen am Ort gibt es nicht, der Datenschutz ist dann gerne die erste Ausrede.

Man sollte sich eher die Frage stellen, was bietet Eching als Wirtschaftsstandort den Unternehmen für Vorteile an, was müssen wir im Ort noch leisten, wie wird die Verwaltung Dienstleister der Unternehmen und involviert auch Echinger Unternehmen im Alltag. Da ist noch viel Schatten statt Licht.

Andreas Vierthaler

Ein Lesermail

  1. Hallo Herr Vierthaler,

    ausreichend und bezahlbarer Wohnraum ist tatsächlich einer der Faktoren, um den Wirtschaftsstandort auszubauen. Dass es sich hierbei nicht um den alleinigen Faktor handelt, sollte uns beiden bewusst sein. Dies kann auch nicht in das Zitat von Herrn Steigerwald hineininterpretiert werden.

    Die Probleme sind sehr vielschichtig, viele davon haben Sie bereits genannt. Ein gewichtiger Grund ist, dass es seit Jahren keine Initiativen gegeben hat, große Unternehmen anzusiedeln.

    Ich erinnere mich an Wahlkampfversprechen unseres amtierenden Bürgermeisters, Technologieunternehmen und Start-Ups aufgrund der Nähe zur Technischen Universität München anzusiedeln. Dies haben wir bereits vor 10 Jahren gehört. Nun höre ich wieder wohlklingende Namen wie „Isarvalley“…

    In der aktuellen wirtschaftlichen Lage wird es nun eine große Herausforderung, neue Unternehmen anzusiedeln. Dies wurde in den letzten Jahren (bewusst?) verschlafen.

    Wenn wir neue Unternehmen ansiedeln wollen, ist ausreichender und bezahlbarer Wohnraum natürlich ein Standortvorteil. Welches Unternehmen will sich an einem Standort ansiedeln, an welchem es wenig verfügbare Wohnungen für die Mitarbeiter gibt und sich deshalb die Mitarbeitersuche als sehr schwierig gestaltet?

    Vielleicht zielen Sie aber auch auf Unternehmen mit sehr gut bezahlten Jobs ab, bei welchen den Mitarbeitern die Mieten egal sind. Dies ist jedoch sicherlich nicht im Sinne einer sozialen Mischung und nicht im Sinne der Einheimischen, da dadurch die Mieten in die Höhe getrieben werden.

    Gehen wir auf die Ökologie und Nachhaltigkeit ein: Was bringt es einer Gemeinde, Unternehmen anzusiedeln, deren Mitarbeiter keine Wohnungen in unserer Gemeinde finden und deshalb zu ihrem Arbeitsplatz pendeln müssen? Es kommt zu mehr Verkehrsaufkommen, mehr CO2-Austoß und zu einer Belastung für unsere Bürgerinnen und Bürger. Ist dies im Sinne der Freien Wähler?

    Ich lese auf Ihrer Website, dass Eching im Klimaschutz besser werden kann, und von CO2 Einsparungen. Irgendwie kann ich diese Aussagen nicht zu ihrer Ausführung überleiten.

    Die Probleme sind sehr vielschichtig. Ihrer Aussage, dass Wohnungsbau nichts mit der Entwicklung des Wirtschaftsstandortes zu tun hat, kann ich leider nicht ganz folgen.

    Franziska Kuhn

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