von Vhs-Leiterin Daniela Kirschstein
Volkshochschulen gehören zu den ältesten und wichtigsten Einrichtungen der öffentlichen Erwachsenenbildung in Deutschland. Ihr Grundgedanke ist eng mit der Entwicklung moderner Demokratie verbunden: Bildung sollte nicht nur wenigen Privilegierten vorbehalten sein, sondern allen Menschen offenstehen, unabhängig von Herkunft, Einkommen, Alter, Geschlecht, Vorbildung, Religion, Behinderung oder Lebenssituation.
Eine wichtige Zäsur war das Jahr 1919. Mit der Weimarer Reichsverfassung erhielt die Erwachsenenbildung erstmals Verfassungsrang. Das Volksbildungswesen, ausdrücklich auch einschließlich der Volkshochschulen, sollte von Reich, Ländern und Gemeinden gefördert werden. Damit wurde Erwachsenenbildung als öffentliche Aufgabe verstanden: nicht als private Freizeitbeschäftigung, sondern als Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe.
In der Weimarer Republik entwickelten Volkshochschulen wesentliche Grundlagen ihres heutigen Selbstverständnisses. Sie sollten offen und nicht an Klassen, Parteien, Konfessionen oder Weltanschauungen gebunden sein. Ihr Bildungsangebot verband Allgemeinbildung, berufliche Bildung, kulturelle Bildung und gesellschaftliche Orientierung.
In der Zeit des Nationalsozialismus stellten viele Volkshochschulen ihre Arbeit ein, wurden geschlossen oder in nationalsozialistische Volksbildungsstrukturen eingebunden. Andere passten sich aktiv und aus Überzeugung an. Von einem breiten institutionellen Widerstand waren die Volkshochschulen ungeachtet ihres ursprünglichen Bildungsanspruchs weit entfernt.
Auch der Name selbst verweist auf eine spannungsreiche Geschichte. Der Begriff „Volk“ verweist historisch auf den Anspruch, Bildung breiten Bevölkerungsschichten zugänglich zu machen. Zugleich wurde der Volksbegriff im völkischen Denken und im Nationalsozialismus rassistisch und ausgrenzend aufgeladen. Eine demokratische Volkshochschule kann auch solche Ambivalenzen offen reflektieren.
Nach 1945 wurden Volkshochschulen in Bayern und in ganz Deutschland wieder aufgebaut oder neu gegründet. In Bayern spielte dabei auch die amerikanische Besatzungsmacht eine entscheidende Rolle. Im Rahmen von Re-Education und Entnazifizierung sollten sie dazu beitragen, demokratische Strukturen, politische Urteilsfähigkeit und öffentliche Bildungsarbeit neu aufzubauen.
Der Begriff der „Schulen der Demokratie“ verweist auf diesen Anspruch: Demokratie braucht eine Öffentlichkeit, in der Menschen Informationen prüfen, Erfahrungen austauschen, sich ein eigenes Urteil bilden, mitbestimmen können, Widerspruch aushalten und gegebenenfalls widersprechen.
Wenn demokratische Strukturen unter Druck geraten und allgemeine Menschenrechte zunehmend infrage gestellt werden, ist dieser Anspruch besonders aktuell. Politische Bildung gehört zum Kern dieser Arbeit. Sie ist nicht bloß die Vermittlung politischer Informationen, sondern Teil demokratischer Praxis: Sie stärkt Urteilsfähigkeit, vermittelt historische und gesellschaftliche Zusammenhänge, ermöglicht kontroverse Auseinandersetzung und stärkt die Voraussetzungen eines freiheitlichen Zusammenlebens.
Politische Bildung orientiert sich an Menschenwürde, Gleichberechtigung, Teilhabe und demokratischen Grundrechten. Volkshochschulen sind parteipolitisch unabhängig. Diese Unabhängigkeit bedeutet jedoch keine Neutralität gegenüber den Grundlagen unserer demokratischen Ordnung. Menschenwürde, Gleichberechtigung und demokratische Grundrechte bilden den Rahmen jeder Auseinandersetzung.
Erwachsenenbildung umfasst dabei weit mehr als politische Bildung. An der vhs Eching reicht das Angebot von Sprachen, Gesundheit und Bewegung über Kunst und Kultur bis zu beruflicher und digitaler Bildung. Hinzu kommen Vorträge, Führungen und Schwerpunkte zu Themen, die Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen betreffen. Im aktuellen Programm widmet sich beispielsweise ein Schwerpunkt dem Thema Demenz mit Informationen zur Erkrankung, Angeboten für Angehörige und künstlerischen Arbeiten, die persönliche Erfahrungen sichtbar machen.
Der gesellschaftliche Bildungsauftrag zeigt sich außerdem in Formaten, die lokale Fragen mit größeren gesellschaftlichen Zusammenhängen verbinden. Der Klimafrühling, Ausstellungen zu globalen Lieferketten oder die Klimapartnerschaft mit Urubamba machen sichtbar, dass Klima, Ressourcen, Verantwortung und Gerechtigkeit nicht abstrakte Zukunftsthemen sind, sondern konkrete Fragen kommunaler Bildungsarbeit. Umweltbildung ist eines der zentralen Themenfelder der Klimapartnerschaft. Die vhs entwickelt dazu Bildungsangebote, vermittelt die Themen in die Öffentlichkeit und baut ein Netzwerk von Multiplikatorinnen und Multiplikatoren auf.
Gleiches gilt für Veranstaltungen zur Zeitgeschichte, Führungen zur Erinnerungskultur und Diskussionsformate zu lokalen Kontroversen. Wir entscheiden diese Fragen nicht. Aber wir müssen sie sichtbar machen, einordnen und zur Diskussion stellen.
Zur gesellschaftlichen Aufgabe gehört der Zugang zu Bildung für alle Menschen in einer vielfältigen und sich verändernden Gesellschaft.
Dieser Anspruch wird häufig mit Begriffen wie Integration und Inklusion beschrieben. Dabei geht es nicht allein um bauliche Barrierefreiheit, sondern um die Frage, wer tatsächlich Zugang zu Bildungsangeboten hat.
Entscheidend ist, an wen sich Bildungsangebote tatsächlich richten, welche impliziten Normen sie voraussetzen und welche Hürden Menschen ausschließen können. In Eching setzen die derzeit auf mehrere Standorte verteilten und baulich nur eingeschränkt geeigneten vhs-Räume einem vollständig barrierefreien und zeitgemäßen Bildungsangebot allerdings Grenzen.
Erwachsenenbildung arbeitet an der Schnittstelle von individuellem Lernen und gesellschaftlicher Entwicklung. Ein Sprachkurs kann den Zugang zu Arbeit und Nachbarschaft öffnen. Ein Gesundheitskurs kann Selbstfürsorge und Prävention stärken. Ein Kurs zur digitalen Bildung kann Abhängigkeiten verringern. Eine Kunstwerkstatt kann Wahrnehmung verändern und einen neuen Zugang zur Welt eröffnen.
Gesellschaftliche Bildung steht deshalb nicht neben der Erwachsenenbildung, sie ist ein Teil von ihr. Ebenso wie Sprachen lernen, Gesundheitsbildung, berufliche Qualifizierung, kulturelle Bildung oder digitale Kompetenzen hilft sie Menschen, sich Wissen anzueignen, Zusammenhänge zu verstehen und selbstbestimmt am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Für uns ist das Anspruch und Aufgabe zugleich: Bildung nicht nur anzubieten, sondern sie als Beitrag zu einer demokratischen, solidarischen und zukunftsfähigen Gesellschaft zu verstehen.
Zum Weiterlesen:
Bayerischer Volkshochschulverband: Schulen der Demokratie. Volkshochschulen in Bayern 1945–1948
Bayerischer Volkshochschulverband: Erwachsenenbildung stärkt Bayern
Deutscher Volkshochschul-Verband: Demokratiebildung und Zivilcourage
Deutscher Volkshochschul-Verband: Bildung für nachhaltige Entwicklung
Bundeszentrale für politische Bildung: Beutelsbacher Konsens
Dr. Daniela Kirschstein, Leiterin Vhs Eching
mit einem Lesermail von Martina Seidl: Lesermail zum Artikel „Bildung in demokratischer Verantwortung“