Lesermail zum Artikel „Adios, Klimapartnerschaft“

Vom richtigen Leben im falschen

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen“, schrieb der Philosoph Theodor W. Adorno. Der Satz passt erstaunlich gut zu einem Vorwurf, der heute immer wieder zu hören ist: Wie kann man für den Klimaschutz sein und gleichzeitig fliegen?

Auch in der Diskussion um die Klimapartnerschaft zwischen Eching und Urubamba wurde wegen der geplanten Reise nach Peru und der Einladung zu einer Fachkonferenz in São Paulo „Doppelmoral“ unterstellt.

Natürlich verursacht ein Flug nach Südamerika erhebliche CO₂-Emissionen. Das sollte niemand kleinreden. Aber wird eine internationale Zusammenarbeit zum Klimaschutz deshalb unglaubwürdig?

Doppelmoral wäre es, von anderen den Verzicht aufs Fliegen zu verlangen und selbst ohne Not durch die Welt zu jetten. Hier geht es um etwas anderes: einen Zielkonflikt. Den Emissionen der Reise steht der mögliche Nutzen einer langfristigen Zusammenarbeit gegenüber.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: Wird dabei CO₂ ausgestoßen? Sondern: Ist die Reise notwendig, gibt es eine vernünftige Alternative und rechtfertigt der erwartete Nutzen die damit verbundenen Emissionen?

Hier hilft neben Adorno ein zweiter Gedanke, der mehr als hundert Jahre alt ist. Max Weber unterschied zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik. Vereinfacht gesagt, fragt die Gesinnungsethik: Entspricht mein Handeln meinen Überzeugungen? Die Verantwortungsethik fragt zusätzlich: Welche Folgen hat mein Handeln – und welche Folgen hat es, wenn ich nicht handle?

Auf die Klimapartnerschaft übertragen: Man kann sagen, „Fliegen verursacht CO₂, also darf man für den Klimaschutz nicht nach Peru fliegen“. Man kann aber auch fragen, was eine langfristige Zusammenarbeit bewirken kann und was verloren geht, wenn persönliche Begegnungen grundsätzlich ausgeschlossen werden. Beim Gegenbesuch aus Urubamba ging es genau darum, voneinander zu lernen und daraus gemeinsame Projekte zu entwickeln.

Wer internationale Klimazusammenarbeit nur dann für glaubwürdig hält, wenn niemand dafür fliegt, müsste diesen Maßstab konsequenterweise auch an Klimaforscher und UN-Klimakonferenzen anlegen. Ausgerechnet bei einem globalen Problem dürften sich Menschen verschiedener Kontinente dann kaum noch persönlich begegnen.

Adornos Satz ist dabei kein Freibrief nach dem Motto: Es ist ohnehin alles klimaschädlich, also können wir weitermachen wie bisher. Im Gegenteil. Vermeidbare Emissionen müssen vermieden werden. Aber wir leben in einer Welt, deren Verkehr, Energieversorgung und Wirtschaft noch nicht klimaneutral sind. Wir können sie nur verändern, während wir noch Teil von ihr sind.

Adorno beschreibt den Widerspruch, Weber den verantwortlichen Umgang damit. Klimaschutz verlangt keine moralische Reinheit, sondern die Abwägung der Folgen unseres Handelns.

Man darf also fragen, ob eine Reise nach Peru notwendig ist. Man sollte aber ebenso fragen, was verloren geht, wenn man sie nicht macht. Wer nur den Flug sieht, aber Zweck und Wirkung internationaler Zusammenarbeit ausblendet, macht es sich zu einfach.

Peter Neumann

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