Echinger Kulturtage: „Der Tunnel“

Bernhard Ganter hat eine Vielzahl von Romanen und Erzählungen geschrieben (siehe www.bernhard-ganter.de), doch er erwähnt in einem Gespräch sein ganz besonderes Faible für den schon 2010 erschienenen Roman „Der Tunnel“, dessen fesselnde Inszenierung der Lichtbühne München ihn zusätzlich tief bewegt hatte.

Ganter beschreibt darin die Lebensgeschichte eines von der Dorfgemeinschaft ausgestoßenen, vom eigenen Vater ungeliebten und von den Frauen verhöhnten, also von den Menschen tief enttäuschten Sonderlings, der sein Leben fristet mit dem Beruf eines Streckenwärters. Frieden findet er nur in seinem Tunnel, den er sauber zu halten hat und dessen Schienen er 30 Jahre lang mit einem Hammerschlag auf Fehler prüft

Eine unerwartete Wende nimmt das triste Leben des Joseph Staudinger, der gerade zu seinem 50. Geburtstag vorzeitig in Pension geschickt worden war, durch das mysteriöse und Aufruhr erregende Verschwinden von Aisha, der Zweitfrau eines reichen arabischen Touristen, während der Zugfahrt in den Urlaubsort.

Leseprobe:

„Joseph spürte instinktiv die große Ungerechtigkeit, für etwas bezahlen zu müssen, was er nicht hatte haben wollen. Aber er zahlte, weil er Angst hatte, der Schankkellner oder jemand anderer könnte zum Tunnel hinaufkommen, um die Schuld einzutreiben. Niemand hatte bei ihm oben im Tunnel etwas zu suchen. Das war sein Reich.

Als er der Araberin begegnete, hatte er neuen Lebensmut bekommen. In ihm rumorte der tiefe Drang, sein Glück hinausschreien zu müssen, sich jedem zu offenbaren. Alle Welt sollte es erfahren. Erst recht die Männer vom Stammtisch. Er, Joseph Staudinger, hatte eine Freundin! Endlich fühlte er sich den Stammtischbrüdern ebenbürtig. Jetzt konnte keiner mehr über ihn lachen.

Von der Straße her drang ein anhaltendes Brummen in das Bierstübchen. Joseph nahm das Bierglas in die Hand, stand auf und ging zum Fenster. Auf der Straße fuhren mehrere graue Mannschaftstransporter der Polizei vorbei. Der Schankkellner war hinter ihn getreten und schaute ebenfalls zum Fenster hinaus. ‚Die Frau finden sie nicht mehr, die ist bestimmt über alle Berge!’“

Den drei Aufführungen der Roman-Interpretation durch den Regisseur der Lichtbühne, Guido Verstegen, in der Pasinger Fabrik 2018 folgte im gleichen Jahr eine weitere Darbietung im Ismaninger Kallmann-Museum. Geplante Aufführungen auf drei weiteren Münchner Bühnen fielen „Corona“ zum Opfer. Die Inszenierung würde sich sicher auch eignen für das Echinger Keller-Theater.

Über Bernhard Ganter

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Ein Lesermail

  1. Danke an die Echinger Zeitung, ein grosses Danke auch an Frau Schmitdchen, für den grossartigen Bericht. Ich freue mich sehr darüber.

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